
FOKUS: Neue Herausforderungen in einer zunehmend turbulenten Welt
13/03/2025
SIPAZ-Aktivitäten (von Mitte November 2024 bis Mitte Februar 2025)
13/03/2025
J ennifer Haza Gutiérrez war 22 Jahre lang Mitglied der Organisation Melel Xojobal A. C., die sich für die Rechte der Kinder einsetzt, mit Sitz in San Cristóbal de las Casas, Chiapas. Im vergangenen Dezember verließ sie ihre Position als Direktorin. In einem Interview berichtete sie uns von ihren Erfahrungen, Erkenntnissen und ihren hoffnungsbringenden Perspektiven.
Präsentation:
Jennifer kommt ursprünglich aus Mexiko-Stadt, hat einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften und ein Diplom in Kinderrechten und strategischer Prozessführung vor dem Interamerikanischen Menschenrechtssystem, in Bildungsbeteiligung mit Straßenbewohner*innen und in interkultureller zweisprachiger Erziehung.
Im Jahr 2002 kam sie zu Melel Xojobal, um ihren sozialen Dienst im Bereich der Begleitung von arbeitenden Kindern auf der Straße zu leisten. Nachdem sie in verschiedenen Projekten gearbeitet hatte, übernahm sie für 5 Jahre die Position der Generalkoordination und wurde 2012 zur Direktorin ernannt. Während ihrer Zeit bei der Organisation hat sie unter anderem Aufklärungsarbeit im öffentlichen Raum und in Schulen sowie Lobbyarbeit geleistet. Sie identifiziert sich selbst als Feministin und Menschenrechtsverteidigerin.
Stärkung der Kinder durch Hoffnung und Würde
„Ich kenne keine andere Organisation in Mexiko, die sich spezifisch für das Recht der Kinder auf Arbeit unter würdigen und sicheren Bedingungen einsetzt“, sagt Jennifer über die Arbeit von Melel Xojobal, die sich für die Rechte arbeitender Kinder, insbesondere indigener Herkunft, einsetzt. Der Organisation nach ermöglicht die Arbeit der Kinder nicht nur eine Verbindung zu ihren indigenen Muttersprachen und Kulturen, sondern ist auch eine Form des Einkommens, mit dem sie ihre Familien angesichts eines Systems unterstützen können, das indigene Völker ausbeutet und diskriminiert. In einer Pressemitteilung teilte Melel Xojobal mit: „(…) es gibt Formen von menschenwürdiger Arbeit, die die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern und Jugendlichen bereichern und stärken“.
Zur aktuellen Situation der Kinder sagte Jennifer: „Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche in Chiapas immer mehr Schwierigkeiten haben, ihre Rechte wahrzunehmen, vor allem Kinder indigener Herkunft (…) Die Gewalt hat an Häufigkeit, aber auch an Grausamkeit ihnen gegenüber, zugenommen. Diese Gewalt äußert sich auf manchmal nicht so offensichtliche Weise, wie z. B. durch digitale Medien, Diskriminierung oder tägliche Ausbeutung, nicht nur von den Kindern, sondern auch von ihren Familien. Aus meiner Sicht wird die Situation für Kinder immer schwieriger“.
In diesem Zusammenhang zielt die Arbeit von Melel Xojobal darauf ab, Kinder angesichts von Gewalt zu stärken, damit sie mit Würde und Hoffnung aufwachsen und von dort aus ihren Platz in der Welt finden können. „Es gibt ein politisches Engagement zusammen mit den Kindern. Die Organisation kommt nicht, um Antworten zu geben und so zu tun, als würde sie die Realität verändern. Was wir tun, tun wir gemeinsam mit den Kindern.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Lobbyarbeit in der Öffentlichkeit, um zu vermitteln, dass Kinder und Jugendliche die gleichen Rechte haben wie Erwachsene und dass sie das Recht haben, diese auszuüben. „Was in der Welt geschieht, kann nicht in das unterteilt werden, was mit Kindern und was mit Erwachsenen geschieht“, teilte sie uns mit.
Die Stimme der Kinder

Aktivität im Rahmen des Internationalen Tages der Mädchen und Jugendlichen, San Cristóbal de Las Casas, Oktober 2024 © SIPAZ
Für Jennifer ist es wichtig, Kinder zu begleiten, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Dadurch konnte sie nicht nur verstehen, dass „man zum Lernen die Bereitschaft braucht, zuzuhören und zu beobachten“, sondern auch, dass der Ort, an dem wir geboren werden, und unsere Herkunft, verschiedene Arten des Kindseins prägen. Sie hält es für wichtig, die Vielfalt der Kinder, die es gibt, anzuerkennen. In diesem Sinne hilft die Arbeit von Melel Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie nicht dazu bestimmt sind, Opfer von Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Gewalt zu werden, und dass ihre wirtschaftliche Situation oder die Tatsache, dass „es schon immer so war“, keine Gründe sind, die diese Realitäten rechtfertigen. Laut Jennifer ist es wichtig, dass sie wissen, dass sie das Recht haben, ihre Stimme zu erheben, um die Verletzung ihrer Rechte anzuprangern.
Jennifer sprach mit uns auch über öffentliche Aktionen wie Märsche sowie Prozesse und Räume, die sich an heranwachsende Mädchen und Frauen richten und die ihrer Meinung nach nicht nur für Mädchen, sondern auch für Frauen und Männer in den Gemeinschaften wichtig und wirkungsvoll für einen Wandel sind. „Früher gab es diese Räume, um über Gewalt gegen Frauen zu sprechen nicht. (…) Von der Teilnahme an den Demonstrationen und der Einnahme des öffentlichen Raums bis hin zu Gesprächen mit den Medien und der Übernahme des Mikrofons, sind Aktionen die eine Energie ausstrahlen, welche ich sehr ansteckend und kraftvoll finde“, kommentiert sie uns.
Melel Xojobal- Das wahre Licht
Auf die Frage, warum Melel Xojobal diesen Namen habe, antwortete Jennifer: „Die Gründer*innen von Melel haben beschlossen, es Luz Verdadera in Tsotsil zu nennen, was so viel bedeutet wie das wahre Licht. Denn denn Blick der Kinder ist es, der uns Licht auf dem Weg bringt.“
In diesem Sinne teilte sie uns auch mit, was sie inspiriert und ihr Zuversicht und Hoffnung für eine bessere Zukunft gibt: „Wie ich schon sagte, denke ich, dass die Situation immer schlimmer wird und die Realität schwieriger sein wird, aber es gibt viele von uns, die darauf beharren, dass es wichtig ist, einander weiterhin zu begleiten, über andere Gegenwarten und Zukünfte nachzudenken und das aufzubauen, was täglich möglich ist. An den Kindern sehe ich, dass sie in Krisenzeiten die ersten sind, die ihre Solidarität zum Ausdruck bringen oder sich Sorgen machen, wie es anderen geht, wie es zum Beispiel ihrem Bruder geht oder ihrer Mutter. Das ist eine Komponente, von der ich nicht weiß, ob sie uns retten wird, aber sie wird uns helfen, an dem festzuhalten, was möglich ist, Hoffnung zu schöpfen und Risse zu erzeugen, in denen wir Gerechtigkeit, Würde und Glück für die Menschen sehen können. In diesen kleinen Rissen, die die Kinder selbst aufreißen, können wir auch ein wahres Licht finden. Wir begleiten sie dabei, und wir sind auch davon überzeugt, dass wir uns selbst in diesem Prozess verändern, wenn wir es gemeinsam tun. Diese Risse der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Würde sind von uns allen an uns alle.“