Seit dem 26. Januar liegt er beim Altar in der Kathedrale von San Cristóbal de Las Casas. Tausende Menschen allen Alters, sozialer Klassen oder Hautfarben sind gekommen, um sich von ihrem jtatic oder jtotic („Vater“ in den Maya-Sprachen Tsotsil und Tseltal) zu verabschieden. Don Samuel Ruiz, emeritierter Bischof der Diözese von San Cristóbal de Las Casas (der er er von 1959 bis 1999 vorstand), ist am 24. Januar 2011 in einem Krankenhaus in Mexiko-Stadt gestorben. Seine leiblichen Überreste wurden am 25. Januar im Morgengrauen nach San Cristóbal de Las Casas gebracht, dem gleichen Tag, an dem er 51 Jahre bischöfliche Weihung gefeiert hätte.
Als Schlüsselfigur der Befreiungstheologie und mit klarem Bekenntnis zu den Armen spielte er eine wichtige Rolle in der Schaffung des Bewusstseins und der Stärkung der organisatorischen Prozesse der Indigenen in Chiapas, besonders nach dem Indigenen Kongress im Jahre 1974. Samuel Ruíz García wirkte auch als Vermittler in mehreren Konflikten in Lateinamerika, vor allem jedoch beim Konflikt in Chiapas zwischen der EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) und der mexikanischen Regierung oder 2008 zusammen mit anderen mexikanischen Intellektuellen bei den Verhandlungen zwischen der EPR (Revolutionäre Volksarmee) und der Regierung von Felipe Calderón.
Bei einer Fahrt in die indigenen Gemeinden nach seinem Tod, hörten wir zahlreiche Zeugnisse von Personen, die vom Tode Don Samuels berührt waren. Er war auch bekannt als „der Reisende“, da er die Gemeinden seiner Diözese unzählige Male besucht hatte. Ein Beispiel: „Er ist hier hergekommen, und war mehrere Male bei uns in unserer Gemeinde. So habe ich ihn kennengelernt. Er ist ein großer Verteidiger der Armen und war drei bis vier Tage hier. Nie hatte er Angst, er hat sich mit dem Problem der Armut auseinandergesetzt… Er hat mit uns gelitten und wurde genau wie wir von der Regierung bedroht, nur weil wir unsere Rechte verteidigt haben… Er hat viele Gemeinden unterstützt, nicht nur Gemeinden, ganz Mexiko. Don Samuel hat keinen Unterschied gemacht, sondern alles gleichwertig behandelt… “ (Sebastián aus Jolnixtié, Tiefebene von Tila, Chiapas).
Bei der Beerdigung von Don Samuel hat auch die Organisation „Las Abejas“ (dt. Die Bienen) ein Zeugnis abgegeben, in welchem viele andere ein Echo all dessen wiederfinden konnten, was er ins Leben gerufen hat: „Jtotik Samuel, du gehst, aber du bleibst in unserem Herzen. Du gehst, aber die Früchte deiner Arbeit werden viele weitere Früchte tragen. Die Organisation Las Abejas ist ein Beispiel dieser vielen Früchte deiner Arbeit. Danke, Jtotik Samuel, nun gehen wir nicht mehr gebeugt. Nun senken wir nicht mehr die Köpfe vor den ‚Mächtigen‘, dank dir.“
Jenseits von Chiapas war er in der ganzen Welt bekannt und anerkannt, sogar in anderen Konfessionen, als Referent einer einfachen, partizipativen, bodenständigen, brüderlichen Kirche welche dem Menschlichen im weitesten Kontext diente. Bekannt als Beispiel der Hoffnung in dunklen Zeiten, in denen wir uns, wie derzeit, verloren fühlen könnten. Aus verschiedenen Teilen des Landes und der Welt sind Beileidsbekundungen und Anerkennungen für seinen Beitrag zu den Menschenrechten, zum Frieden und zu einem interreligiösen Dialog im lokalen, nationalen und internationalen Kontext gekommen.
Viele haben von seiner eigenen Wandlung geredet, als er nach Chiapas kam und die Marginalisierung der Indigenen dieses Bundesstaates entdeckte. Durch die Kraft seiner Worte in den vielen Malen, die sie um die Welt gingen, hat er anderen geholfen die Augen zu öffnen, nicht nur für die Realität der Indigenen in Chiapas, Mexiko oder Lateinamerika, sondern auch für die Unterdrückten und Ausgeschlossenen in den reicheren Ländern. Sein Wirken brachte viele andere auf die Spur dieser Offenbarung.

Aus seinem eigenen Glauben, seiner Position und seinem Charisma heraus wirkte er als ökumenische und interreligiöse Referenz. In dieser Hinsicht haben wir, SIPAZ, mehrere Bereiche mit ihm geteilt, darunter: Aktivitäten des Peace Council, Ökumenische Treffen in Chiapas 1997 und 1998, das Interreligiöse Treffen für den Frieden in Chiapas 1999 und die Gründung der Biblischen Schule (welche mittlerweile zum Institut für Interkulturelle Studien geworden ist).
Im November 1999, zum Anlass des 75. Geburtstages von Samuel Ruiz (das obligatorische Alter für die Amtsniederlegung bei den katholischen Bischöfen), hat SIPAZ eine Initiative gefördert, welche knapp 300 religiösen Oberhäuptern aus 26 Ländern ermöglichte sich zu versammeln, um eine Erklärung anlässlich seiner „40 Jahre prophetisches und pastorales Ministerium“ abzugeben.
Die Mitteilung mit dem Titel „Wählt das Leben“ wurde von verschiedenen christlichen Kirchen gestützt, sowie von führenden Persönlichkeiten der jüdischen, islamischen und buddhistischen Religionen. Darin ist zu lesen: „Gott hat uns gesegnet, indem er aus unserer Mitte Vorbilder wachsen lässt, welche mit dem Volk verwachsen sind und diese kritischen Zeiten nutzen, um die Dunkelheit in Licht zu verwandeln, die Angst in Mut und die Hoffnungslosigkeit in Hoffnung. Für uns war Samuel Ruiz eins von diesen Vorbildern. (…) Wir fühlen uns erfüllt von Dankbarkeit und Demut von der Vision der Befreiung, welche das Volk von Chiapas prophetisch verkündet hat. Das brachte uns dazu, unsere eigenen Leben in anderer Weise zu betrachten. (…) Immer von der Mitte seines Volkes ausgehend, hat er eine Perspektive gelebt, die wie eine der tiefsten Wahrheiten, die wir kennen, widerhallt: dass der Gott des Lebens uns zu Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Demut aufruft, und nur durch die Wahl des Lebens werden wir die wirkliche Befreiung und Freude erfahren“.
Dieser Ausdruck internationaler ökumenischer und interreligiöser Unterstützung gegenüber dem Bischof eines fernen Ortes, wie Chiapas es ist, zeigt, dass Don Samuel für viele Leute zu einem Symbol für Hoffnung geworden ist. SIPAZ möchte 5 Aspekte seiner Arbeit hervorheben, welche uns weiterhin inspirieren werden.
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Beerdigung von Don Samuel Ruiz García, Platz des Friedens, San Cristóbal de Las Casas, 26. Januar 2011 © SIPAZ
Ein Aufruf zur Demut, Kongruenz und zum persönlichen Wandel: Don Samuel hat uns gelehrt, dass wahre Geistigkeit, im Unterschied zu Spiritualismus, genau so viel Inneres wie Äußeres enthalten sollte. Er hat uns gelehrt, nicht nur mit Worten, sondern durch seine eigene bescheidene Art zu sein, nicht nur den Himmel zu betrachten, sondern auch das Unten und das Innen. In einer Homilie im Januar 1994 sagte Don Samuel: „Ein persönlicher Wandel und eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaftsstruktur sind dringend nötig, weil sich die eine Sache nicht ohne die andere erfüllen wird“.
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Geduld und die Fähigkeit den Anderen zuzuhören, ihren Worten, unabhängig vom Alter, Geschlecht, sozialem Status und Glaubensrichtung, Gewicht zu geben. Vielleicht ist dies etwas, was er von den indigenen Gemeinden gelernt hat, in denen den Worten Raum gegeben wird, um zu Einverständnissen zu kommen. Don Samuel hat viele Sprachen gelernt, westliche und indigene. Er wusste in allen und jedem Einzelnen ein Sein, ein Subjekt zu erkennen, etwas das er immer sehr betonte, wenn er von den indigenen Völkern sprach. Er gewann alle für sich, Männer und Frauen, Religiöse und Laien.
- Aktive Gewaltfreiheit: In seinem pastoralen Brief „Eine neue Stunde der Gnade“ (2004) entwarf er „Für den Frieden zu kämpfen bedeutet nicht, nur einfach gegen den Krieg zu sein oder eine pazifistische Position zu vertreten, sondern eine vollständige Position zu beziehen, welche uns durch das Infragestellen des neoliberalen – kapitalistischen Systems bei der Rechtfertigung von Gewalt angeht, als wäre dieses der einzige Weg, um die Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Beim ernsthaften Nachdenken über die Position Christi, welcher sein Gebot verkündet hat, den Nächsten zu lieben, wie er uns liebt und sogar unsere Feinde zu lieben, kommt man zu dem Schluss, dass die aktive Gewaltlosigkeit die reale Alternative für den Aufbau einer Gesellschaft ist, in der alle Platz haben, ohne dass jemand sich opfern muss, um den Frieden und die Ordnung zu erhalten“.
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Keine Angst haben: Don Samuel blieb standhaft zwischen den Kritiken und Aggressionen (auch physische) gegen seine Person oder die Diözese. Er lehrt uns, dass wir trotz allem keine Angst haben müssen, sondern uns mit den Konsequenzen der Optionen auseinandersetzen müssen, die wir als Christen wählen gegenüber der brutalen Realität, die uns umgibt. In seinem pastoralen Brief „Eine neue Stunde der Gnade“ schrieb Don Samuel: „Jesus hat uns dazu aufgerufen, seine Verteidiger zu sein, auch wenn wir dadurch seinem eigenen Weg folgen müssen: den des Kreuzes. Die Frage, die Gott uns am Ende unseres Lebens stellen wird ist: Auf welcher Seite standen wir? Wen haben wir verteidigt? Für wen haben wir uns entschieden? Fragen, denen niemand, auch nicht die Mächtigen, am Ende seines Lebens ausweichen kann“.
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Die Hoffnungen hoch halten trotz des Kummers: Das Lesen der „Zeichen der Zeit“ kann uns oft zu Hoffnungslosigkeit, Entmutigung oder passivem Verhalten führen. Was wir immer an Don Samuel bewundert haben, war seine Fähigkeit, die Zeichen des Lichts zu sehen, auch inmitten von soviel Dunkelheit. In einem Interview, das Don Samuel mit Jorge Santiago 1996 führte, sagte er: „Ich glaube, dass die Gläubigen, die sich als solche verstehen, sich durch die Erleuchtung führen lassen. Dass sie bereit sind loszugehen und zu gehen, auch wenn es in diesem Moment keine Klarheit gibt, wissen sie doch, dass das Licht da ist, sie erkennen es, sehen das Ganze. Dieses Licht gibt nicht nur Ruhe, sondern auch eine starke Hoffnung für die Zukunft“. In seinem, schon erwähnten, pastoralen Brief sagte Don Samuel: „Durch Hoffnung wird die globale Kraft sichtbar, die die Ausgeschlossenen haben, welche nicht akzeptieren, dass dieses System definitiv ist, sondern die sich vehement dafür aussprechen, dass ein anderes System, wo Gerechtigkeit und Wahrheit strahlen, dringend und möglich ist“.

Pablo Romo (Mitarbeiter von Don Samuel in verschiedenen Angelegenheiten, heute Mitarbeiter von Serapaz) sagte uns vor einigen Jahren etwas über den Leitspruch Frankreichs: „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“. Er meinte, die westlichen Länder haben der Menschheit den Begriff der „Freiheit“ gebracht, die östlichen Länder den der „Gleichheit“ und die des Südens sind nun diejenigen welche uns dazu aufrufen, Brüder und Schwestern zu sein, als einzige Form, um die Menschheit vor sich selbst zu retten. In seinem pastoralen Brief „Eine neue Stunde der Gnade“ schrieb Don Samuel: „Die Armen und die indigenen Völker setzen sich klar mit der Wahrnehmung der ethnischen und kulturellen Identität auseinander und stellen sie der Homogenisierung durch die heutige Globalisierung entgegen. Sie sind die effizienten Akteure in der Transformation von verschiedenen Ländern des Kontinents. Sie geben dem vom schädlichen Individualismus betroffenen System eine Dosis „Gemeinschaftsgefühl“, sie tragen die Fahne der menschlichen Würde und des individuellen und gemeinschaftlichen Rechts, welches von neoliberalen System verweigert wird. Sie sind der Fels, der die Hoffnung auf den Aufbaus einer alternativen Gesellschaft bewahrt, basierend auf der Anerkennung und dem Respekt der Verschiedenheit. Sie sind „der Rest“, welcher an der Vision der Verschiedenheit festhält und in ihr neue Reichtümer und Potenziale für die menschliche Entwicklung sieht“.
Für SIPAZ waren Don Samuel und die indigenen Völker von Chiapas Gesichter der Hoffnung welche uns erlaubt haben anzuerkennen, dass es nicht nur „dringend„, sondern auch „möglich“ ist, eine neue wirklich „brüderliche“ Welt zu erschaffen.